„Vögel werden doch nur im Winter gefüttert“ – hört man heute immer noch von vielen Seiten. Dabei ist der Futterbedarf bei freilebenden Wildvögeln gar nicht mal im Winter am höchsten. Wie hoch der Futterbedarf der Wildvögel übers gesamte Jahr ist und ob vielleicht sogar wichtiger wäre im Frühling zu füttern, klären wir in diesem Artikel:
- Eigene Futterverbrauchsstudie
- Wissenschaftlich bestätigt: Futterbedarf in der Brutzeit am höchsten
- Aber warum gerade zur Jungenaufzucht?
- Ist Fettfutter ungesund und wird es an die Jungen weitergegeben?
- Winterfütterung reicht nicht (mehr)!
- Fazit
Eigene Futterverbrauchsstudie
NatureTec hat ein ganzes Jahr lang den exakten Futterverbrauch an einer Vogel-Bodenfutterstation erfasst und eine Verbrauchsstatistik erstellt. Die Futterstation wurde dabei von vielen Vogelarten besucht. Dazu zählten z.B. Kohl- und Blaumeisen, Spechte, Dohlen, Fasane, Stare, Haussperlinge, Eichelhäher, Amseln, Rotkehlchen, Türken- und Ringeltauben, Buchfinken und viele mehr:

Der exakte Futterverbrauch wurde dabei mit einer in die Futterschale integrierten Waage ermittelt. Jeder der vier Füße der Schale war dabei mit einem Gewichtssensor ausgestattet, der seine Daten an einen kleinen Mini-Computer sendete, der die Daten zusammenfasste und den genauer Futterverbrauch auf dem Display anzeigte. Ein Akku sorgte für die Stromversorgung. Hier einmal die Technik der Futterwaage:






Die Futterschale wurde jeden Morgen frisch mit Futter befüllt und die Waage vor der Fütterung genullt. Gefüttert wurde in erster Linie mit Fettfutter. Bei Bedarf wurde nachgefüllt und die vorherigen mit den nachfolgenden Messwerten addiert, so dass am Ende des Tages immer der exakte Futterverbrauch berechnet werden konnte. Es wurde immer versucht die zu erwartende Verbrauchsmenge direkt schon zu Tagesbeginn bereit zustellen. Anfang Juni war die Futterschale daher am Morgen prall gefüllt:

Nach Sonnenuntergang wurde der Verbrauch abgelesen und der genaue Wert sowie ein Screenshot der Display-Anzeige bei Discord gepostet.
Auch dieser „Futterberg“ war zum Ende des Tages nahezu leergeputzt.

Zu den größten Abnehmern in den beiden verbrauchsstärksten Monaten zählten wahrscheinlich die Dohlen, die sich teilweise den Schnabel voll machten und wegflogen, wahrscheinlich um ihre Jungen damit zufüttern. Anschließend sah man viele von Ihnen zusammen mit ihren Jungvögeln an der Futterstation fressen:

Auch die Stare gehören in dieser Zeit wohl zu den größte Verbrauchern:

In der folgenden Grafik sieht man den tatsächlichen Verbrauch an Fettfutter über das ganze Jahr hinweg (Original-Daten):

Der Tag mit dem höchsten Verbrauch war der 03. Juni mit insgesamt 13,2 kg.
Am wenigsten wurde am 27. Dezember gefressen, mit gerade einmal 240 Gramm (0,24 Kg).
Dies verdeutlich schon einmal, dass der Futterbedarf der Wildvögel von Mai bis einschließlich Juli so enorm ist, dass die Fütterung gerade dann am notwendigsten ist.
Hier einmal eine Verbrauchsübersicht der einzelnen Monate:
Monat | Futterverbrauch | Anteil am Gesamtverbrauch |
Januar | 20,5 kg | 3,4 % |
Februar | 19,7 kg | 3,3 % |
März | 28,5 kg | 4,7 % |
April | 43,6 kg | 7,2 % |
Mai | 118,9 kg | 19,7 % |
Juni | 232,0 kg | 38,5 % |
Juli | 52,4 kg | 8,7 % |
August | 22,6 kg | 3,8 % |
September | 20,1 kg | 3,3 % |
Oktober | 14,7 kg | 2,4 % |
November | 13,5 kg | 2,2 % |
Dezember | 16,7 kg | 2,8 % |
GESAMT | 603,2 kg | 100 % |
Im ganzen Jahr wurden genau 603,2 kg Futter gefressen.
Fast 60 % des gesamten Jahresverbrauches lagen allein im Mai und Juni. Am wenigsten wurde im Oktober und November gefressen, mit zusammen nicht einmal 5 % der Jahresverbrauchsmenge.
Dieses Kreis-Diagramm macht einmal deutlich, zu welcher Jahreszeit die Fütterung am dringendsten gebraucht wird – nämlich Ende Frühling, Anfang Sommer:

Wissenschaftlich bestätigt: Futterbedarf in der Brutzeit am höchsten
Nach dieser eigenen Beobachtung liegt der größte Energiebedarf also genau in der Zeit der Jungvogelaufzucht. Diese Beobachtung deckt sich auch mit anderen wissenschaftlichen Studien:
„In allen Untersuchungsjahren lag der höchste Tagesverbrauch in den Sommermonaten, also in der Zeit der Jungenaufzucht.
Prof. Dr. Martin Kraft (8)
[…] Aus der Graphik wird ersichtlich, daß die Aktivitäten der Vögel am Futterhaus zur Zeit der Jungenaufzucht im Juni am größten waren.“
Diese Studie von Prof. Dr. Martin Kraft, kann hier im Original nachgelesen werden.
Aber auch Deutschlands bekanntester Ornithologe Prof. Dr. Peter Berthold bestätigt diese Beobachtung:
„Die meisten Vögel besuchen Futterplätze regelmäßig zur Brutzeit von Juni bis August! In dieser Zeit sind […] unsere Vögel am meisten gefordert – vor allem durch die Aufzucht der Jungen – und haben folglich dann besonders hohen Energiebedarf.“
Prof. Dr. Peter Berthold (9)
Dies belegt Prof. Dr. Peter Berthold mit einer Grafik aus einer eigenen Studie:

Der bekannte Ornithologe Dr. Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) bestätigt diese Aussage:
„Nicht der Mittwinter ist die Zeit der größten Nahrungsknappheit in der Natur und damit des höchsten Nahrungsbedarfs am Futterhäuschen, sondern zum einem der Vorfrühling und zum anderen der Juni. […] Im Juni hingegen ist der Bedarf an Futter so groß, weil nun alle Zugvögel wieder in ihrem Brutgebiet sind und viele Arten jetzt ihre Jungen füttern.“
Dr. Norbert Schäffer (10)
Dies verdeutlicht also eindrucksvoll, dass der Bedarf an (Ersatz-)Nahrung nicht im Winter am höchsten ist, sondern im Frühjahr, in der Brutzeit.
Aber warum gerade zur Jungenaufzucht?
Die Zeit in der die Jungvögel aufgezogen werden, ist mit Abstand die anstrengendste und energieraubendste Zeit des Jahres für die Elternvögel. Die Jungen müssen versorgt werden, dafür fliegen die Elternvögel teilweise hunderte Male am Tag um Insekten für die Jungen zu finden, die sie an sie verfüttern können. Je mehr Jungvögel, desto häufiger und desto mehr Insekten müssen herangebracht werden. Der Energiebedarf der Flugmuskeln ist daher zu genau dieser Zeit so hoch.
„Wenn Vögel fliegen, verbrennen sie Fett direkt im Brustmuskel – es liefert unmittelbar den „Treibstoff“ für den „Flugmotor“ (30,149) und ist deshalb für Vögel einschließlich unserer Spatzen auch im Sommer lebenswichtig.“
Prof. Dr. Peter Berthold (12)
Der zunehmende Insektenmangel sorgt nun leider noch dafür, dass die Elternvögel immer weitere Strecken zurücklegen müssen um noch Insekten zu finden. Dadurch sind sie längere Zeit vom Nest entfernt und die Überlebensrate der Jungen schwindet mit zunehmenden Nahrungsmangel.
„Die Altvögel müssen jetzt arbeiten wie die Irren, von morgens bis Abends fliegen, Futter besorgen für die Jungen. Gott sei Dank sind sie so schlau, dass sie die wenigen Insekten, die sie fangen, an die Jungen verfüttern und das Fett selber fressen. Wenn sie ohne Fett leben müssten und würden die Insekten selber fressen, würden in der Zwischenzeit die Jungen im Nistkasten verhungern.“
Prof. Dr. Peter Berthold (11)
Daher ist es wichtig, gerade zu dieser Zeit den Elternvögel Energie bereit zustellen, in Form von Fettfutter. Fett ist ein starker Energielieferant, den die Vögel zu dieser Zeit sehr dankbar annehmen. Im folgenden Absatz gehen wir noch intensiver auf die Nachteile und Mythen zum Thema Fettfutter ein.
Ist Fettfutter ungesund und wird es an die Jungen weitergegeben?
Die Elternvögel füttern ihre Jungen nur in Ausnahmefällen mit dem Vogelfutter, welches wir an den Futterstationen anbieten. Wir wissen heute, dass Elternvögel instinktiv lebende Insekten für ihre Jungen suchen. Durch das zunehmende Insektensterben kann es aber vorkommen, dass die Elternvögel nicht mehr ausreichend Lebendfutter finden um ihre Brut am Leben zu halten und dann, quasi als Notfall-Nahrung, ihre Jungen mit unserem Vogelfutter füttern.
Unter diesen Umständen können Jungvögel also tatsächlich auch Vogelfutter gefüttert bekommen – sozusagen als letzte Möglichkeit die Brut am Leben zu halten. Dazu Deutschlands bekanntester Ornithologe:
„Oft […] hilft ihnen derartiges Futter in unserer an Insekten immer ärmer werdenden Zeit, Engpässe in der Nahrungsbeschaffung durch ihre Eltern zu überleben.“
– Prof. Dr. Peter Berthold (7)
Leider werden gerade im Frühjahr immer wieder Vorurteile verbreitet, die Leute davon abhalten Vögel zur Brutzeit zu füttern. Hier nur mal einige dieser oft falschen Aussagen, inkl. den entsprechenden Erklärungen:
- „Elternvögel füttern ihre Jungen mit dem Vogelfutter, die dann verenden, weil sie es nicht verdauen können.“ -> Aussage widerlegt
- „Jungvögel ersticken am Vogelfutter“ -> Aussage widerlegt
- „Jungvögel bekommen einen Blähbauch und sterben durch das Futter“ -> Aussage widerlegt
- „Tierisches Fett ist unnatürlich und nicht artgerecht“ -> Aussage widerlegt
- „Fettfutter reduziert den Bruterfolg“ -> Aussage widerlegt
- „Studien belegen geringere Reproduktionsrate“ -> Aussage widerlegt
- „Natur- und Vogelschutz-Organisationen lehnen die Fütterung zur Brutzeit ab“ -> Aussage widerlegt
Hier findest du weitere ausführliche Informationen zum Thema ob Futter im Sommer schädlich für (Jung-)Vögel ist:
Winterfütterung reicht nicht (mehr)!
Wir füttern Vögel im Winter mit der Begründung, dass die Vögel im Winter weniger Nahrung finden. Daran ist erst einmal nichts falsch! Wir sollten uns aber vor allem am Bedarf der Tiere orientieren um zu wissen, wann es am sinnvollsten ist, Futter anzubieten.
Eine wissenschaftliche Studie belegt, dass die Masse an Fluginsekten in Deutschland seit 1989 um mehr als 75 % abgenommen hat. Im Sommer, also während der wichtigen Aufzucht der Jungvögel, liegt der Verlust an Fluginsekten aber sogar bei ca. 82% (6). Der Bedarf an Ersatznahrung ist also ganzjährig vorhanden. Dieser dramatische Verlust der Insekten macht es also notwendig ganzjährig Ersatznahrung anzubieten. Einen ausführlicher Artikel zum Thema Ganzjahresfütterung findest du hier. Hier gehen wir auf alle Fragen ein:
Zudem werden die Winter durch den Klimawandel auch in Deutschland zunehmend milder, so dass sich mittlerweile sogar Zugvögel häufiger den Flug in den Süden sparen um den Winter in Deutschland zu verbringen – auch weil das bessere Nahrungsangebot in den zunehmen milderen Wintern die langen Zugwege oft nicht mehr rechtfertigt (13).
Fazit:
Der höchste Futterbedarf von Wildvögeln ist während der Brutzeit. Die Fütterung sollte also gerade in dieser, für die Vögel sehr kräftezehrenden Zeit, stattfinden. Das Insektensterben ist vor allem im Sommer stark ausgeprägt. Daher sind Vögel vor allem von April bis Juli auf unsere Hilfe angewiesen. Dennoch sollten wir ganzjährig Futter anbieten.
Danksagung
Danke an Markus, Jeannette, Sabine und Barbara für die täglich Arbeit bei der Erfassung der Messwerte. Ihr wart eine große Hilfe. Vielen Dank für euren Einsatz 🙏
Quellen:
1 – Vogelsterben nimmt dramatische Ausmaße an (NABU)
2 – Globales Artensterben mit dramatischem Ausmaß (Umwelthilfe München e.V.)
3 – Vogelsterben (Wikipedia)
4 – Zeitreihe der Lufttemperatur in Deutschland (Wikipedia)
5 – Immer mehr Zugvögel verzichten auf die Reise in den Süden (Bayrischer Rundfunk)
6 – Wissenschaftler bestätigen dramatisches Insektensterben (NABU)
7 – Buch „Vögel füttern – aber richtig“ (Prof. Dr. Peter Berthold, 5. Auflage, Seite 91)
8 – Untersuchungen zur Siedlungsdichte und Territorialbiologie freilebender Vögel bei zusätzlich verabreichtem Futter (Universität Marburg)
9 – Buch „Vögel füttern – aber richtig“ (Prof. Dr. Peter Berthold, 5. Auflage, Seite 92)
10 – Buch „Vögel füttern im Garten“ (Dr. Norbert Schäffer, 2017, Seite 21)
11 – Video: Warum Sie Vögel im Garten das ganze Jahr lang füttern sollten (Prof. Dr. Peter Berthold – MDR Beitrag)
12 – Buch „Vögel füttern – aber richtig“ (Prof. Dr. Peter Berthold, 5. Auflage, Seite 42)
13 – Immer mehr Zugvögel verzichten auf die Reise in den Süden (BR24)